Der erste Tag
Der erste Tag in der neuen Klasse hat für jeden etwas Unangenehmes.
Neue Lehrer, neue Kameraden, alles ist ungewiß, man kennt niemand,
weis nicht, wo man sitzen soll, und vor allem bei wem. Vielleicht neben dem
dürren Streber mit der Brille, der sich als Strohdumm entpuppt und einem
ständig die Pausenbrote klaut. Oder neben dem kleinen mit Mittelscheitel
der in geschraubtem Hochdeutsch zu verstehen gibt, daß der Platz neben
ihm bereits reserviert sei, er sowieso nicht abschreiben lasse, da dies ja
Betrug an der Schulbehörde sei und er nicht in Verbrechen nicht involviert
sein wolle und er außerdem zwecks Durchsetzung seiner Rechte auf den
schwarzen Gürtel in Karate verweise, den er letzte Woche mit Auszeichnung
geschafft hat. Den einzigen kleinen Vorteil, den man hat, ist, daß
es den anderen eventuell genauso geht. Ich hatte den kleinen Vorteil
natürlich nicht, den ich stieg quer in die Klasse ein. Am Gang stehend
mahlte ich mir aus, wie bei meinem Eintreten in das Klassenzimmer eine Reihe
unbekannter Köpfe herumfuhr, mich abschätzend anstarrte und dabei
etwas tuschelte, das klang wie: ...doof..., ...was will der da..., ...komisch
aussieht...
Sodann würde mich eine altjungferliche Lehrerinn begrüßen
und mich wie eine Kindergartenkind zu meinem Platz führen. Neben einem
Jungen bei dem niemand sitzen wollte, weil er sich zum Beispiel ständig
in die Hans schneuzte und sie dann am Sessel seines Nachbarn abwischte.
"Bist du der neue? Wie heißt du denn?"
Erschrocken drehte ich mich um. Die Frau hinter mir war fast 1,80 groß,
hatte einen dunklen Rock mit dazugehöriger dunkler, hochgeschossener
Bluse an und ihr Haar war zu einem festen, grauschwarzen Knoten gebunden.
"Ich heiße Gerald", stotterte ich. Ihr Sex-Appeal entsprach ziemlich
genau dem eines in den Dreck gefallenen Butterbrotes.
"Ja ich bin neu."
"Nicht so weinerlich. Zeig der Tante, daß du ein Mann bist",
sagte eine Stimme in mir.
"Du brauchst keine Angst zu haben, junger Mann. Ich bin Frau Professor Holbein,
dein neuer Klassenvorstand. Du wirst sehen, es gefällt dir in der 2b.
Es sind lauter nette Kinder dabei."
"Ich bin fast 13 und nicht 6 du Trampel", dachte die Stimme.
"Stimmt", dachte ich.
Sie nahm mich bei den Schultern und schob mich zur Klassentür. Mein
Blick fiel auf ein Knäuel raufender Kinder, umgeworfene Tische, auf
den Boden geworfene Hefte und Bleistifte sowie einen Papierflieger, der eine
Kurve vor uns zog und zum Landeanflug auf das Waschbecken ansetzte. Die Luft
war voll von Kinderstimmen von denen eine schrill schrie:
"Sie kommt."
"Was geht hier vor. Alles sofort auf seine Plätze. Ihr seid im Gymnasium
und nicht im Kindergarten!"
Stühle wurden aufgestellt, Tische zurechtgerückt, Pausenbrote
hinuntergewürgt und irgendwer schrie:
"Frau Professor, der Kurt hat mir mein Mitteilungsheft weggenommen."
Dann waren die meisten Schüler auf ihren Plätzen und drehten sich
zu mir um. Ein paar tuschelten und ich hörte Gesprächsfetzen wie:
..der doof aus..., ...so eine Brillenschlange..., ...ein komisches Gesicht...,
...der aussieht...
Die Lehrerin nahm mich bei der Hand, ich versuchte mich vergeblich dagegen
zu wehren, und schob mich vor sich her nach vorne vor die Tafel.
"Hilfe!" dachte die Stimme in mir.
"Das ist der Gerald. Er ist euer neuer Klassenkamerad. Seine Eltern sind
neu in der Stadt. Deshalb kommt er erst jetzt zu uns."
"Schau dir die Gesichter an. Und dein Auftritt. Das geht nicht gut. Hau
ab!"
"Wie denn. Sie hält mich fest", dachte ich.
"Den Ellbogen in den Bauch, oder den Fuß gegen das Knie. Mach
irgendwas."
"Ich glaube nicht, daß es funktionieren wird."
"Mal sehen", sagte sie und blickte sich um. "Einen freien Platz haben wir
noch." Sie führte mich zu einem Tisch in der Mitte auf dem ein kleiner
Junge mit struppigen braunen Haaren, schmutzigem weißen Hemd
saß.
"Das ist Karli. Du wirst neben ihm sitzen." sagte sie.
Karli sah mich mit riesigen Glubschaugen durch seine dicke Brille an,
flüsterte etwas und rückte dann sabbernd näher, in etwa so,
wie eine Kreuzotter, die sich an ihr Opfer anschleicht.
Sicherheitshalber rückte ich auf die andere Seite des Tisches und blickte
betont desinteressiert in die andere Richtung.
Die Lehrerinn war wieder vor gegangen und begann zwei Worte auf die Tafel
zu schreiben. Ein "das" und ein "daß".
"Wir wiederholen heute noch einmal einige Rechtschreibregeln. Wer kann mir
sagen, wann wir ein Daß mit scharfem ß verwenden?"
Neben mir schneuzte jemand laut und ausgiebig. Aus den Augenwinkeln sah ich,
daß Karli kein Taschentuch gezückt hatte und jetzt mit der Hand,
welche zuvor die Nase gehalten hatte unter den Tisch griff. Und zwar auf
meiner Seite. Ich rückte so weit weg wie möglich und versuchte
nicht hinzusehen. Mein Nachbar beendete sein widerliches Geschäft und
packte sein Heft auf. Ich tat es ihm gleich und begann Abzuschreiben, was
Professorin Holbein auf die Tafel gemalt hatte.
Vorsichtig musterte ich jetzt meine Mitschüler. Vor mir saßen
zwei Mädchen. Eines trug ein kurzes Röckchen, fast schon ein Mini,
und hatte ihre blonden Haare zu zwei Zöpfchen gebunden. Ihr Freundin
daneben sah mit den Jeans und dem dicken schwarzen Zopf zwar bieder aus.
Jetzt drehte sie sich um und sah nach mir.
"Niedliches Gesicht. So schlecht ist es hier gar nicht."
Ich versuchte ein Lächeln. Sie kicherte und tuschelte mit ihrer Freundin,
die sich ebenfalls umdrehte.
Plötzlich, ohne Vorwarnung passierte es. Ich lies einen fahren. Ganz
leise, dafür aber mit Wirkung. Man, das war würzig. Was hatte ich
nur gegessen.
"Iiihh!" sagte die blonde im Minirock und hielt sich die Nase zu. Mein Nachbar
Karli war ohne aufzuschreiben, was auf der Tafel stand, am Tisch gelümmelt
und wachte jetzt auf um gerade so laut, daß es alle mit Ausnahme der
Lehrerinn hörten, "Wäh der stinkt", zu sagen und dann
unmißverständlich auf mich zu deuten.
"Heb deine Hand und zeige auf ihn!"
Doch ich blieb nur erstarrt sitzen und bemerkte, daß sich zwanzig
Köpfe nach mir umgedreht hatten.
"Er wars", sagte Karli noch einmal.
"So ein Arschloch. Nimm ihm die Brille weg und steig darauf."
In der Pause sagte ich, Karli habe einen fahren gelassen, doch ein großer
blonder Junge mit Schwabbelbauch deutete auf mich und schrie laut: "Du
Stinkkäfer!"
Alle lachten.
Ich ging hin, um ihm einen Tritt in die Eier zu geben, doch da sah ich, daß
er tatsächlich einen Kopf größer war als ich und sagte einfach
"Trottel." Er konterte mit "Stinker, Stinker, Stinker" und alle lachten.
Auch die beiden Mädchen vor mir. "Fettsack", sagte ich noch einmal,
achtete aber darauf, daß er mich nicht hörte und setzte mich wieder
an meinen Platz, wobei ich darauf achtete, nicht auf die rotzbeschmierte
Unterseite zu greifen.
"Verprügel den kleinen Arsch."
Das ging nicht, denn, sobald ich nur ausholte schrei er wie am Spieß
und ich hatte diesen Tag genug Aufmerksamkeit auf mich gezogen.
"Warte", flüsterte ich.
"Stinker", spottete er und wischte sich mit der Hand über die triefende
Nase.
Damit war der Tag gelaufen und ich wartete verkroch mich auf der nicht mit
Rotz beschmierten Seite des Tisches. Am Ende des Tages packte ich meine
Schultasche und lief zur Straßenbahnhaltestelle, wo die Straßenbahn
gerade abfahren wollte. Im letzten Moment bekam ich meine Hand zwischen die
zugehende Tür und riß sie mit Gewalt wieder auf.
Aus dem vollen Wagen starrten mich zwei Pensionistinnen strafend an, wichen
aber keinen Millimeter zurück, so daß ich auf den Stufen stehen
bleiben mußte. Inzwischen war die Ampel vorne auf Rot gesprungen und
ermöglichte es Meinem dämlichen Sitznachbarn, hereinzukommen. Ich
drehte ihm demonstrativ den Rücken zu und ließ ihn auf der ersten
Stufe warten.
"Wenn die Tür wegen ihm nicht zugeht, wird ihn der Fahrer
rauswerfen."
Ja, die Omas machten sicher nicht Platz und auf der anderen Seite blockierte
ein Zeitungsverkäufer mit seinem Wägelchen die Stufen.
"Geh weiter", piepste Karli hinter mir. Ich ignorierte ihn vornehm, während
er begann ohne Erfolg gegen meinen Rucksack zu drücken.
Die Ampel sprang auf Grün und die Straßenbahn fuhr los. Zuerst
glaubte ich, die Tür würde doch noch zugehen, doch dann bemerkte
ich, daß sie defekt war.
"Laß mich rein", jammerte Karli. Die Straßenbahn raste inzwischen
mit Höchstgeschwindigkeit auf der stark befahrenen
Währingerstraße neben Lastwagen und dicken Mercedes dahin.
"Wenn du dich umdrehst, schubst du ihn und er fällt raus", sagte
die Stimme in mir eindringlich. "Er hat dir den ersten Tag verpatzt. Das
kannst du nicht auf dir sitzen lassen. Er fällt raus, direkt vor einen
Laster. Der sieht ihn nicht, stößt ihn nieder, und fährt
ihm über die Füße. Karli schreit auf, während sie knackend
brechen, wird herumgewirbelt und sein Kopf kommt genau vor dem Mercedes zum
liegen. Der fährt ihm direkt darüber, der Rotz spritzt heraus und
bildet einen großen gelben Fleck."
Hinter mir schniefte Karli und schrie: "Hilfe! Die Tür ist noch auf."
"Du mußt etwas tun. Jetzt." Drängte mich die Stimme. "Dreh
dich doch einfach um. Ein bißchen zu viel Schwung und er fliegt raus."
"Das funktioniert doch nie. Er hängt an mir wie eine Klette."
"Genau. Darum kannst du es ja probieren. Wenn er wirklich rausfliegt,
kannst du ja überhaupt nichts dafür. Deine Chancen stehen so schlecht,
daß niemand Verdacht schöpfen wird."
"Anhalten!" jammerte Karli hinter mir und zog den Rotz hoch. Entsetzt
drehte ich mich um und knallte mit meiner Schultasche voll gegen sein Gesicht.
Vor Schreck ließ Karli mit einer Hand aus und ruderte hilflos durch
die Luft.
"Jetzt fällt er", dachte ich, doch einen Moment später packte seine
Hand meinen Ärmel und verbis sich darin wie der Kampfhund unseres ehemaligen
Nachbarn in seinen Lieblingsknochen.
"Die Tür ist offen!" schrien die Leute jetzt quer durch den Wagen.
"Seine Hand ist voller rotz!"
Ich zuckte zurück und schaffte es Karlis Hand abzuschütteln. In
diesem Moment bremste der Fahrer scharf ab und ich sah Karli fliegen. Direkt
vor einen Laster. Bremsen quietschten und dann war er aus meinem Sichtfeld
verschwunden. Die Straßenbahn stand jetzt und ich steckte meinen Kopf
hinaus, um Karlis Überreste zu sehen. Zu meiner Enttäuschung lebte
er noch und hatte sich nicht einmal die Hose zerrissen. Der Lastwagenfahrer
schimpfte, während Karli heulend zu einem der vorderen Einstiege lief.
Der Straßenbahnfahrer stieg aus, verriegelte die Tür, klebte ein
"Tür gestört" Pickerl darauf und meine Chance war endgültig
dahin.