Die Habergeiß
Johannes Alfred Zauner, von seinen Freunden im allgemeinen blöder Hans genannt verließ sein kleines Haus. Gemeine Leute nannten ihn einen Deppen. Freundlichere Leute wiesen eher auf seinen von Geburt an niedrigen Intelligenzquotienten von 65 hin. Hans lebte seit dem Tod seiner Mutter alleine in dem Häuschen am Rande eines großen Waldes. Sein Geld verdiente er sich im Winter als Holzarbeiter und im Sommer als Knecht bei einem Bauern. Er galt allgemein als beschränkt, aber freundlich. Die Dorfbewohner verspotteten ihn zwar ab und zu, ließen sich aber ansonsten nicht mit ihm ein. Hans mied seinerseits die Leute, deren schnelle Lebensweise ihn im allgemeinen verwirrt. Nur in den Rauhnächten ging er unter die Leute. Wenn sie als Krampus durch das Dorf zogen, war er ein gern gesehener Gast. Er, der mit einem riesigen Buckelkorb und einer Schürze als Habergeiß verkleidet die Kinder am meisten erschreckte.
Ich sah durch das Fenster nach draußen, wo es allmählich dämmrig
wurde. Der Schneefall hatte den ganzen Tag gedauert, ließ jetzt aber
nur noch ab und zu eine verspätete Schneeflocke vorbeitanzen.
Mein "Club" lag abgeschieden am Rand eines großen Waldes. Michelle,
Marion, Isabell und Jacklien arbeiteten dort für mich. Alles gute Pferdchen,
die jeden Abend eine Menge Freier schafften.
Der Club ging außergewöhnlich gut. In den drei Monaten, seit wir
eingezogen waren, hatten wir soviel verdient, wie vorher in einem ganzen
Jahr. Das lag auch daran, daß die Mädchen das Geld im Dorf nicht
verschleudern konnten. In der Stadt war es ihnen, weiß Gott wie, immer
wieder gelungen einen oder zwei Tausender an meinen wachsamen Augen
vorbeizuschleusen und in teuren Boutiquen zu verprassen. Dafür nahmen
sie nächsten Tag sogar eine kleine Abreibung in Kauf. Trotzdem waren
es gute Pferdchen. Sie stritten kaum und kuschten, sobald ich etwas lauter
wurde.
Michelle und Marion lümmelten mit Zigaretten in Händen gelangweilt
vor dem Fernseher herum. Isabell und Jacklien spielten Karten und tranken
ein Glas Whisky nach dem anderen. Ich setzte an, sie anschnauzen, nicht so
viel zu saufen, weil das die Freier abschreckte, besann mich aber eines besseren.
Bis jetzt war nämlich kein einziger Freier gekommen. Solche Tage kamen
gelegentlich vor. Die Dörfler lebten noch ganz in ihren Traditionen.
Das bedeutete, das zum Beispiel am Weihnachtstag keiner hier auftauchen
würde. Was heute schuld war, blieb mir allerdings schleierhaft. Gestern
hatten wir noch über zwanzig bedient und heute: Als wäre die Welt
ausgestorben.
"Ich geh mal raus. In einer halben Stunde bin ich wieder da."
Meine Pferdchen blickten nicht einmal auf.
Vor der Tür betrachtete ich den schmalen Weg. Rechts lag ein weites
Feld unter der Schneedecke, dessen Enden irgendwo in einen endlosen Wald
übergingen. Auf der anderen Seite reichten die Äste der Bäume
weit über die Straße, so daß keine zwei Autos nebeneinander
fahren konnten.
Wahrscheinlich gab es eine Hochzeit, oder einen Dorfball, zu dem jeder gehen
mußte. Gegen zwölf würden sie sich Mut angetrunken haben
und vorm Club auftauchen. Wenn sie dann im Bett lagen, brachten sie vor lauter
Suff ihren Schwanz nicht mehr hoch. Bezahlen mußten sie trotzdem. Immerhin
hatten meine Pferdchen ja ihren Aufwand mit ihnen.
Ich kramte in meiner Jackentasche, holte eine Zigarettenpackung heraus und
zündete mir eine Zigarette an. Dann stapfte ich durch den knirschenden
Schnee.
Die Hände in der Tasche glitten über mein Springmesser. Für
mich ein Arbeitsgerät, wie ein Hammer, oder eine Maurerkelle. Wenn es
Ärger gab, waren die nächsten Nachbarn zwei Kilometer entfernt.
Polizei konnten wir uns nicht leisten, also blieb nur das klärende
Gespräch zwischen Manager und Kunde.
Ein einziges Mal hatte ich es vorzeigen müssen. Zusammen mit dem
dazupassenden grimmigen Gesichtsausdruck hatte es gereicht, und der Freier
war, nachdem er bezahlt hatte, davongebraust und nie wieder aufgetaucht.
Ein Weg verschwand zwischen den Bäumen. Ich bog ein und zündete
mir eine weitere Zigarette an.
Nächste Woche mußten wir für ein paar Tage raus hier. Die
nächste Stadt in der etwas los war lag eine Autostunde entfernt. Ich
konnte mir kaum vorstellen, wie es früher hier gewesen war. Vom Fernsehen
abgesehen, gab es nichts, womit man sich die Zeit vertreiben konnte. Der
Club hatte das Angebot sicher aufgebessert. Die Dörfler waren zwar
Eigenbrötler, die nicht viel redeten, kamen aber trotzdem zuverlässig
ein oder zweimal im Monat. Was diese Bedürfnisse betraf, waren alle
Männer gleich.
Wenn heute Abend nicht bald einer kam und die Fernsehserie aus war, mußte
ich mir sicher wieder ihr Gejammer anhören. So litt auch ich unter dem
Landleben. In der Stadt wäre ich irgendwann gegen drei heimgekommen,
hätte die Einnahmen kontrolliert, etwas gelobt oder geschimpft, je nachdem,
und wäre dann ins Bett gefallen und auf der Stelle eingeschlafen.
Der Weg endete vor einer mitten im Wald liegenden Wiese. Auf der
gegenüberliegenden Seite verschwand eine Gestalt hinter dem Stamm einer
uralten Eiche. Es hatte ausgesehen, als trüge sie einen riesigen Korb
am Rücken. Das erinnerte mich an die Schauermärchen meiner
Großmutter.
"Die Habergeiß", hatte sie zu keifen begonnen, wenn der erste Schnee
fiel, "Sie trägt einen Buckelkorb. Am Abend marschiert sie durch die
Wälder und fängt alle Kinder, die noch draußen sind."
Ich trat ein paar Schritte vor und betrachtete die Stelle. Wahrscheinlich
hatte ich mich getäuscht. Im trüben Dämmerlicht sah jeder
verkrüppelte Baum wie ein Mensch aus, und selbst wenn dort ein altes
Weiblein herumkroch. Was ging es mich an?
Wenn die Mädchen ordentlich was leisteten, wollten wir den nächsten
Winter im Süden verbringen. Ich hatte einiges zusammengespart. Den Sommer
über konnten meine Pferdchen arbeiten und im Winter würden wir
uns auf Mallorca oder in Spanien unter der Sonne räkeln. Natürlich
konnten wir auch dort ein bißchen Arbeiten. Aber nur, wenn das Geld
einmal knapp werden sollte.
Die Dämmerung war schon so weit fortgeschritten, daß ich nicht
weiter, als drei oder vier Baumreihen sah.
Dann stand, ohne daß ich vorher etwas bemerkt hatte, jemand mitten
auf dem Weg.
Es mußte ein Maskenball sein. Das konnte gut möglich sein. Vielleicht
sollten sich die Mädchen auch einmal verkleiden. Als Nixe, Elfe oder
Rotkäppchen.
Der Verkleidete sah genauso aus, wie meine Großmutter seinerzeit die
Habergeiß beschreiben hatte. Er trug einen riesigen Buckelkorb und
am Kopf zwei Hörner. Eine blaue, äremellose Schürze, wie sie
hier von den älteren Frauen oft getragen wurde, verdeckte den
größten Teil seines Körpers. Er hatte stark behaarte Arme
und auch das Gesicht war irgendwie seltsam. Wegen der Dunkelheit konnte ich
vorerst nicht erkennen, was komisch war. Er stand einfach da, wie eine Statue
und betrachtete einen Punkt über meinem Kopf.
"Die verkleiden sich hier als Geiß, statt als Krampus", dachte ich
zuerst, aber der 6. Dezember war vor zwei Wochen gewesen. Dann ging ich einen
Schritt vorwärts und sah, daß er einen echten Ziegenkopf hatte.
Ich blieb ungewollt stehen.
Die Habergeiß!
Sie starrte mich aus weniger als drei Metern Entfernung an. Erschrocken sprang
ich zurück. Im nächsten Moment hätte ich mich Ohrfeigen
können. War ich blöd?
"Hallo", grüßte ich und ging festen Schrittes vorwärts. Die
Habergeiß stapfte langsam vorwärts und setzte dabei die Schritte
ruckartig aneinander. Unter der Schürze wurden zwei dünne, schlanke
Bocksfüße sichtbar.
Das waren echte Hufe! Ein penetranter Gestank breitete sich aus, während
mich die leuchtenden gelben Augen bedächtig musterten. Ich sprang zur
Seite und raste quer durch´s Unterholz. Der Schnee rutschte unter den
Schuhen, Zweige peitschten mir ins Gesicht und Bäume schienen mir in
den Weg zu springen. Panisch schlug ich mehrere Hacken, doch niemand griff
mit seinen Klauenhänden nach mir. Sie hatte mich überhaupt nicht
verfolgt! Ich blieb stehen und drehte ich mich um.
Ringsum war es dunkel. Keine Habergeiß.
In den Rauhnächten, wenn die bösen Geister stärker sind, als
die guten, kommt die Habergeiß, hatte meine Großmutter immer
gemahnt. Wir lebten damals am Land und ich war in der Winterzeit nie im dunkeln
außer Haus gegangen. Dann zogen wir in die Stadt wo es Lichter und
Laternen gab. Meine Großmutter kam ins Heim, wo sie bald darauf starb.
Mit ihr verschwand auch meine Furcht vor der Habergeiß.
Ich schlug die Richtung zur Straße ein.
Es war ein blöder Scherz gewesen. Die Rauhnächte wurden hier
tatsächlich noch gefeiert. Es würde mich nicht wundern, wenn heute
noch mehr dieser Gestalten vor dem Club auftauchten.
Verdammt! Wenn das herauskam. Ich faßte mein Messer und ging zurück.
Die Dämmerung verwischte alle Konturen und ich verlor dauernd meine
Spur. Büsche bildeten verfilzte Mäuerchen deren Zweige krachten
wenn ich durchging. Plötzlich hörte ich von vorne ein Meckern.
Ich zuckte zusammen, wurde dann aber angesichts dieser Dreistigkeit erst
richtig wütend.
Dort, wo die Dämmerung in die Dunkelheit überging, bewegte sich
jemand in meine Richtung. Der Trottel überspannte den Bogen. Zweimal
fiel ich nicht auf den gleichen blöden Scherz rein.
Er sah mich und glitt, unterbrochen von kleinen Rucken, blitzschnell über
den Schnee. Es waren keine richtigen Sprünge, aber auch keine einzelnen
Schritte. Es sah aus, als beschleunigte sich die Zeit zwischen jedem
Bodenkontakt.
Dann stand sie vor mir. Die Hörner ragten deutlich erkennbar aus einem
fellüberzogenen Ziegenhaupt. Einem sehr großen Ziegenhaupt mit
einer ausgeprägten Schnauze und zwei glühenden Augen. Ich erkannte
jedes Detail. Die Bänder der Schürze, die an der Rückseite
mittels einer Masche verknotet worden waren, das weiß-braun gescheckte
Fell, die in spitzen Nägeln auslaufenden Finger. Hoch erhobenen Hauptes
starrte sie mich einen Moment bewegungslos an. Nur aus ihren Nüstern
traten kleine Dampfwölkchen. Sie überragte mich ohne Hörner
um dreißig Zentimeter und der Korb war groß genug für mich.
Ich wollte schreien, doch meine Stimme tat nichts. Mit einer blitzartigen
Bewegung packte sie mich, hielt mich mit schmerzhaftem Griff, der meine Innereien
zu zerquetschen drohte, vor sich, öffnete mit der anderen Hand ihren
Buckelkorb und warf mich hinein.
Gloggnitzer, seit einer Woche Inspektor Gloggnitzer, musterte die leicht
bekleideten Mädchen. Ihr Zuhälter sei verschwunden. Gestern schon.
Das Auto sei noch da. Er hätte nur einen kurzen Spaziergang machen
wollen.
Die Kollegen von der örtlichen Gendarmerie warteten nur auf sein Kopfnicken
und nahmen erst einmal die Damen mit.
Verstoß gegen das Sittengesetz.
Dieser Fall war fürs erste gelöst. Was den Zuhälter betraf.
Der war sicher mit dem Geld abgehaut. In den Süden. Die dummen Nutten
waren einfach hysterisch.
"Ja, ja," meinte er und ging nach draußen. Wenn sie es unbedingt wollten,
würde er sich im Wald umsehen. Er hatte sowieso keine Lust, sie heute
zu vernehmen. Es war Sonntag, und bald würde Weihnachten sein. Er sollte
noch einen Christbaum besorgen und Geschenke für die Kinder. Würde
er die zwei Stunden bis Dienstschluß eben damit verbringen, ein
bißchen spazieren zu gehen. Die Damen waren in sicherer Verwahrung
und ihr Zuhälter nicht mehr zu kriegen. Landgendaremen verkehrten eben
nicht in diesen Kreisen. Im Rotlichtmileu verschwand dauernd wer.
Inspektor Gloggnitzer bog in den kleinen Waldweg ein.
Tatsächlich waren da die Spuren eines Mannes. Schuhgröße
45 und wahrscheinlich kräftig. Früher hätte er sich über
die Entdeckung gefreut. Jetzt bedeutete sie eher Ärger. War dem Trottel
ein Ast auf den Kopf gefallen, mußte er sich darum kümmern, daß
er nicht abkratzte, was sowieso das beste für ihn und den Rest der
Menschheit gewesen wäre. Andererseits: Es war weit wahrscheinlicher,
daß am Ende des Weges Reifenspuren auf ihn warteten. Immerhin war der
Zuhälter ja zu Fuß verschwunden.
Nach einigen Hundert Metern fand er weitere Spuren, die aus dem Wald kamen.
"Aha", kombinierte er vorerst, verzog allerdings nach einer näheren
Betrachtung seine Stirn. Er schüttelte den Kopf und suchte weiter. Wenn
er auch nicht wußte, von wem, so war es doch eindeutig eine frische
Spur. Obwohl die einzelnen Abdrücke mehrere Meter voneinander entfernt
lagen, war es ihm leicht möglich, sie zu verfolgen.
Der alte Detektivgeist erwachte und Gloggnitzer stapfte durchs Unterholz.
Die Spur ging kreuz und quer, schien aber möglicherweise frischer zu
werden. Seine Ausbildung lag doch schon über 30 Jahre zurück und
er erinnerte sich nicht mehr an jedes Detail.
Waren nicht auch in den letzten Jahren hier Leute verschwunden? Er erinnerte
sich an einige unaufgeklärte Fälle. Womöglich trieb sich hier
ein Serienmörder herum. Auch wenn es abwegig klang. Kein Serienmörder
würde es in dieser verlassenen Gegend jahrelang aushalten.
Plötzlich blieb er stehen. Ein entferntes Geräusch war an sein
Ohr gedrungen. Es hatte sich wie eine Ziege angehört. Wahrscheinlich
ein einsamer Bauernhof. Konnten die ihre Viecher nicht in den Stall
sperren?
Er ging weiter und überlegte, zu welchem Tier diese Spur gehörte.
Mittlerweile verliefen sie direkt neben der des Zuhälters. Gloggnitzer
blickte auf und sah sich um. Zwischen den Spuren war Blut.
Dann sah er sie. Sie stand rechts von ihm in zehn Meter Entfernung und kaute
auf einem Fleischbrocken. Die Habergeiß riß mit den scharfen
Wolfszähnen ein Stück aus dem, was einmal ein Arm gewesen sein
mußte, kaute hastig einige Male, und warf ihn dann weg. Blut rann in
dünnen Fäden über das Maul und hinterließ rote Flecken
auf der groben blauen Schürze. Ein fürchterlich Ziegengestank
hüllte ihn ein.
Dann drehte sie den Kopf in seine Richtung. Die grünen Augen sahen durch
ihn durch, während sie etwas ihn! - witterte. Die Habergeiß
meckerte. Ähnlich einer Ziege, aber viel lauter und durchdringend, daß
er fürchtete, der hohe Ton könnte seinen Kopf zerreißen.
Gloggnitzer griff nach seinem Dienstrevolver, doch die Habergeiß legte
die zehn Meter in einem Sprung zurück, packte ihn und warf ihn in ihren
großen Buckelkorb.
Johannes Alfred Zauner stand vor der vom Mond beleuchteten hölzernen Haustür und nahm seine Maske ab. Die Zeit, in der er verkleidet herumgerannt war, kam ihm wie ein einziger gewaltiger Rausch vor. So wie jedes Jahr erinnerte er sich nur noch vage an die letzten Stunden, die Tage gewesen zu sein schienen. Die Rauhnächte waren die einzige Zeit, in der er Spaß hatte, und ihn die Bauern nicht als blöden Hans anredeten. Nur der seltsame Geschmack in seinem Mund, wenn er nach Hause kam, störte ihn. Es war, als hätte er Blut getrunken.