Klopf Klopf
Als Friedrich Eistler am Rand der Lichtung die Wünschelrute in die Hand nahm, zerbrach sie mit einem lautem Knall. Gleichzeitig sträubten sich seine Nackenhaare und das Bedürfnis, einfach wegzulaufen wurde immer stärker.
"Habe ich doch gesagt", sagte der Bauernjunge, der ihn geführt hatte. "Früher war hier ein Hexenplatz."
Friedrich fühlte sich hilflos. Sein Herz pochte und er fürchtete, es würde wieder Probleme machen.
"Da muß ein unterirdischer See sein", sagte er, obwohl er wußte, daß es sicher nicht so war. Seine Hände zitterten, als er versuchte, sich einen neue Rute von einer Weide zu reißen. Die kleine Lichtung mit dem felsigen Grund roch nach Moder und war nur spärlich mit vertrocknetem Gras bewachsen, obwohl im Wald überall Wasserpfützen standen.
Der Bauernjunge wartete neugierig, während Friedrich überlegte, daß er in seinem Alter andere Dinge tun sollte. Ganz deutlich spürte, daß hier gewaltige Energien am Werk waren. Viel stärker als die Wasseradern und Erdstrahlen, die er ansonsten fand. Er hatte zu wenig Fantasie, um sich auszumalen, was Schuld daran war. Es war einfach etwas, daß nicht in seinen Bereich paßte und außerdem fühlte er eine instinktive Angst.
Während er zurückging hörten seine Hände auf zu zittern. Der Bauernjunge erzählte ihm, daß sich die Tiere nie dorthin getrauten. Sein Vater war ein entfernter Bekannter Friedrichs und hatte, nachdem Friedrich einen guten Ruf als Wünschelrutengänger genoß, nach ihm schicken lassen damit er einmal nachsehe, ob an der Stelle etwas "dran" sei.
Zurück am Bauernhof gab sich Friedrich wortkarg und bestätigte nur, daß irgend etwas dran sei, aber er sei nur ein einfacher Wassersucher und das hier sei etwas, mit dem er nicht zurecht komme. Der Bauer ließ sich seine Enttäuschung anmerken und versuchte ihn zu überreden, doch noch einmal genauer hinzuschauen. Vielleicht sei es ein Grab von einem Keltenfürsten oder gar ein Schatz, begraben mit seinem Besitzer und dessen Geist noch immer herumspukt.
Friedrich wußte drauf nicht viel zu antworten, außer, das es keine Geister gab. Die Leute kamen ihm immer wieder mit solchen Geschichten und er betonte, daß am Wassersuchen nichts widernatürliches sei, daß es eben etwas ganz normales sei, daß am allerwenigsten mit übernatürlichen Dingen oder gar Geistern zu tun habe.
Zurück in Wien suchte Friedrich am nächsten Tag Robert Neumann auf, den er insgeheim für einen Spinner hielt. Er hatte dem Bauern versprochen, daß er sich weiter um die Sache kümmern wolle und Robert Neumann würde sich sicher dafür interessieren. Er bezeichnete sich selbst als Neuen Schamanen und versuchte sich ganz wie so einer zu kleiden. Friedrich, der sich als aufgeklärter Mensch betrachtete, hatte sich immer wieder über das wichtigtuerische dahergerede von Robert Neumann geärgert, aber trotzdem hielt er ihn für einen im Innersten guten Menschen. Er suchte immer wieder verborgene Kraftplätze, die wie über die in Form von Punkten ähnlich den Ecken eines Kristalls über die Erde verteilt sein sollten. Daneben beschäftigte er sich mit allen möglichen Mitteln der Heilung durch geistige Kräfte und tat ansonsten auch manches, was einem konservativen Menschen wie Friedrich die Haare zu berge stehen ließ. Nun, Haare waren ihm seit dem Tod seiner Frau alle ausgefallen und er glaubte Robert Neumann damit eine Freude zu machen.
Der dreißigjährige Mann, der bereits aussah wie vierzig; weil er regelmäßig Drogen nahm - nur selbst angepflanzte- empfing ihn herzlich und war wie immer stets bemüht, es Friedrich so angenehm wie möglich zu machen. An Weihrauch erinnernde Düfte durchzogen die mit Steinen, Pflanzen und fremdländischen Kunstwerken vollgestopfte Garconnaire. Als Robert von dem Platz hörte, glaubte er natürlich sofort, einen der "Punkte gefunden zu haben und wollte auf der Stelle los fahren. Friedrich wies ihn darauf hin, daß der Platz schon seit über Hundert Jahren dort war und sich nicht so einfach über Nacht auflösen würde. Nach langem Einreden willigte Robert schließlich ein, bis zum nächsten Tag zu warten, sich dann aber in aller Früh in seine Ente zu setzen um so schnell als möglich dort zu sein.
Als Friedrich ihn verließ, war er so glücklich wie ein Kind vor Weihnachten.
Am Abend des nächsten Tages läutete es an der Tür zu Friedrichs Zweizimmerwohnung. Überrascht stellte er fest, daß Robert vor ihm stand und völlig niedergeschlagen wirkte.
"Ich muß unbedingt mit ihnen reden. Dort ist etwas Schreckliches passiert. Aber ich weiß nicht was. Ich versuchte die Stelle zu muten, doch bevor ich einen Fuß auf diese Erde setzte, fing ich zu zittern an und konnte nicht weiter. Also untersuchte ich es vom Waldrand. Es ist etwas ganz und gar abnormales. Wie ein Loch im Gefüge. Ungeheuer starke Energien strömen durch. Ich weiß nicht, was es bedeuten könnte. Können sie mir erklären, was sie dort gespürt haben."
"Es ist etwas Starkes. Aber Sie kennen mich ja. Ich suche nach Wasser und nach Erdstrahlen. Was weiter ist, interessiert mich nicht. Ich weiß nur, daß es etwas war, daß vielfach stärker war, als eine Wasserader. Ich konnte es selbst ohne Wünschelrute spüren. Der Einfluß ist wie von einer vielfach verstärkten Kreuzung. Aber es war etwas anderes dabei und das machte mir Angst."
"Eine gewaltige negative Schwingung?" riet Friedrich.
"Genau! Eine negative Schwingung.Es müssen furchtbare Dinge dort passiert sein. Schrecklicher, als es sich ein Mensch vorstellen kann."
Friedrich schüttelte den Kopf.
"Kommen sie einmal herein. Mögen sie einen Tee? Ich kann ihnen auch einen Kaffee machen. Aber ich selbst darf ja nicht. Wegen meinem Herz."
Robert nickte nur und ließ sich kraftlos auf einen Stuhl plumpsen.
"So weit ich weiß hat es dort noch nie Menschen gegeben. Vielleicht sehen sie in einem Geschichtsbuch nach", sagte Friedrich während er den Tee aufstellte.
"Ach lassen sie dich die Geschichtsschreiber. Die verdrehen doch alles. Aber ich werde nachsehen. Irgendwo muß es einen Hinweis geben, was dort passiert ist."
Dann verfiel er in Schweigen und wirkte so niedergeschlagen, als hätte man ihm sämtlichen selbst gezogenen Hanf zertrampelt. Nach dem er den Tee langsam ausgetrunken hatte, bedankte er sich wortreich für Friedrichs Hilfe und stolperte in Gedanken versunken nach draußen.
Friedrich tat den Vorfall schulterzuckend ab und widmete sich die nächsten Tage wieder seiner Sammlung von Mozartopern. Außer das er jeden Tag das Grab seiner Frau besuchte, gab es nicht mehr viel zu tun für ihn.
Sein einziger Sohn lebte in Deutschland und rief ihn einmal in der Woche an. Normalerweise am Sonntag, denn unter der Woche war bei seinem verantwortungsvollen Posten keine Zeit.
Der Tod von Erika hatte ihn anfangs niedergeworfen. Doch nach einem Monat, in dem er geglaubt hatte, er würde ihr bald nachfolgen, hatte er sich wieder aufgerafft und gefunden, daß er noch für eine Weile auf der Welt gebraucht wurde. Auch wenn sein Sohn weg gezogen war und keine Kinder wollte - eigentlich war seine zweite Frau schuld - hatte er viele Freunde, einen Neffen mit Kindern für die er den Ersatzopa spielte und war außerdem ein gesuchter Wasserfinder.
Einzig die einsamen Nächte machten ihm zu schaffen. Gewöhnlich nahm er ein Schlafmittel, denn wenn er nicht einschlafen konnte, plagten ihn schwermütige Gedanken und er vermißte dann seine Frau immer besonders schmerzlich.
Die Tabletten waren nicht zu stark und er vertrug sie sehr gut, doch diese Nacht versagten sie plötzlich. Nicht sofort. Er schlief zwar ein, doch nach einer Stunde fuhr er in die Höhe und war sicher, daß jemand da sei. Zuerst glaubte er, ein Einbrecher, doch kein Geräusch durchbrach die Stille. Die Luft um ihn schien vor Spannung zu vibrieren und schnürte ihm die Kehle zu. Er getraute sich nicht einmal zu den Herztabletten zu greifen, die am Nachtkästchen immer bereit standen. Sein Instinkt war sich völlig sicher, daß vor ihm etwas lauerte. Etwas, daß darauf wartete, daß er eine Bewegung machte um ihn dann zu zerreißen.
Sosehr er sich auch einredete, daß es keinen Grund gab, sich zu fürchten - wer hätte ihn, einen armen pensionierten Schaffner- auch ausrauben sollen, so blieb die Angst und war genauso real wie eine ungebetene Besucherin.
Schließlich drehte er mit einer schnellen Bewegung die Nachttischlampe.
Nichts.
Besorgt nahm er eine weitere Schlaftablette und schlief darauf hin ein. Als er erneut aufwachte, war die Angst genauso wieder da. Draußen rumpelten die ersten Straßenbahnen und er beschloß, heute einmal früh aufzustehen.
Nach Frühstück war ihm nicht zumute, und so ging er durch die Wohnung um festzustellen, ob vielleicht irgend etwas verändert war und er deshalb unbewußt Angst entwickelt hatte. Dieses Gefühl schien vom Schlafzimmer auszugehen und er konnte sich nicht erklären, was an dem Raum plötzlich so beängstigend war. Außerdem kam es ihm irgendwie vertraut vor. So als ob er die Gefahr kannte.
Er beschloß, einen langen Spaziergang durch den Park zu unternehmen und wie erwartet ging es ihm darauf hin viel besser. Die Sonne schien auf eine rote, gelbe und braune Blätterschicht, welche Wege und Wiesen bedeckte.
Während er ging und joggenden Frauen sowie Hunden und spielenden Kindern zusah, hielt er die Angst in seiner Wohnung bereits für Einbildung. Als er jedoch zurück kam, breitete sich die Angst wieder aus. Sein Widerwillen gegen das Schlafzimmer wuchs mit jedem Schritt, dem er sich der Wohnung näherte. Als er im Postkasten einen Brief von Neumann fand, er solle schnell vorbeikommen, er hätte etwas entdeckt, war er regelrecht froh.
"Das was wir gefunden haben ist eine Stelle an der unser Universum dünn ist. So dünn, daß es zu einem Energieaustausch kommt. In den Veden heißt es, daß eine Art von Geistern versucht, sich Einlass zu verschaffen. Sie rennen gegen das Gefüge der Raumzeit und verbiegen es. Wenn sie durchschlüpfen, töten sie alles, was sie erwischen können. Sie sehen zu uns wie durch ein Fenster. Oft verfolgen sie ihre Opfer auf der anderen Seite und wenn man sich in Sicherheit glaubt, tauchen sie mitten vor einem auf. Es gibt gewisse Riten, wie man diese Geister davon abhalten kann durchzubrechen. Sie brauchen nämlich Zeit dazu und wenn man das Gewebe dort wieder stärkt, geben sie auf. Genau so etwas haben wir dort gefunden. Ich weiß, daß sie kein Freund solcher Ansichten sind, aber ich werde sie überzeugen. Ehrlich gesagt fühle ich mich alleine überfordert. Jedenfalls sollen sie mir dabei helfen festzustellen, ob ich erfolgreich war." sprudelte Robert Neumanns Redeschwall über ihn herein.
Dieses Mal war Friedrich an der Reihe um wortkarg Roberts Plänen zuzuhören.
"Unser Instinkt warnt uns vor diesen Plätzen. Es ist gefährlich dort. Wenn DAS durchbricht, gibt es keinen Schutz dagegen. Sie haben doch auch Angst gehabt dort?"
"Angst? Ja." Friedrich dachte wieder an den Platz in seinem Schlafzimmer und dann, daß Robert wieder fantasierte. Doch heute fühlte er sich nicht gut genug, um darüber zu streiten, ob es Geister hinter dünnen Wänden geben konnte. Natürlich nicht. Er wollte schon erzählen, daß er in der Nacht einen Angstanfall bekommen hatte, doch fürchtete er Neumanns überhebliche "Ich habe es ja schon immer gesagt" Erklärungen und lies es dabei, ihn auszufragen, was das alles sein sollte.
Roberts Erklärungen kamen wie immer aus den unzähligen Schundbüchern von esoterischen Träumern. Friedrich hatte fast alles schon hundert Mal gehört.
"Dort ist es höchst gefährlich. Tiere meiden sie und selbst die Menschen fürchten sich instinktiv davor. Das schlimme daran ist, daß sie überall auftauchen können. Wenn Sie so etwas finden, machen Sie einen großen Bogen. Das ist kein Spaß." warnte ihn Robert eindringlich.
Friedrich zuckte zusammen, aber dann riß er sich doch zusammen. Jeder Mensch wußte, daß es so etwas gar nicht gab. Außer Robert vielleicht. Schließlich hatte er wieder das Gefühl, daß alles in Ordnung war und versprach, sich alles zu überlegen und Robert bei seinen Ritualen zu helfen. Dann verabschiedete er sich und ging nach Hause. Während er durch die dunklen Straßen ging, ärgerte er sich, daß er letzte Nacht so dumm gewesen war. Wie ein kleines Kind, daß sich im dunklen fürchtete. Und das mit 78 Jahren.
Kaum war er jedoch zu Hause, überfiel ihn die Angst wieder mit unverminderter Wut. "Ich muß hier raus, dachte er, doch dann behielt die Vernunft die Oberhand. Jetzt glaube ich auch schon an den gleichen Blödsinn wie der Robert. Er durchsuchte seine Wohnung mit pochendem Herzen, doch es war nirgends etwas Auffälliges zu entdecken. Da sein Herz so stark pochte, machte er sich einen Herzstärkungstee und las im Ratgeber für Herzkrankheiten unter Herzrasen nach.
"Wird mein Herz Schluß machen?" Dachte er und beschloß, dieses Mal zwei Schlaftabletten zu nehmen. Zuvor wollte er jedoch noch mit der Wünschelrute nachsehen, ob etwas nicht stimmte. Tatsächlich war es ein ähnliches Gefühl wie auf der Lichtung. Kaum hatte er sie in der Hand, zerriß sie.
"Wie im Wald. Es ist auch so eine schwache Grenze", dachte er. "Aber andererseits, wie sollte sie plötzlich hierher kommen. Werde ich auf meine alten Tage doch noch senil. Jeder vernünftige Mensch weiß doch, das es so etwas überhaupt nicht gibt."
Trotzdem blieb die Angst und als er die zwei Schlaftabletten mit einem Glas Wasser hinunterspülte, nahm er sich fest vor am nächsten Tag seinen Hausarzt aufzusuchen.
"Eine Panikattacke. So etwas ist eine Panikattacke. Ich bin in meinem Schlafzimmer. Was soll mir hier passieren. Ich bin in Sicherheit."
Friedrich brauchte lange Zeit zum Einschlafen. Es drängte ihn von hier zu fliehen. Aber wohin? Es gab keinen Platz, wo er hin konnte. Schlußendlich landete er gar noch in der Nervenheilanstalt. Er konnte sich doch vor so einem lächerlichen Angstgefühl nicht verjagen lassen. Wenn das Gefühl morgen noch da war würde er zum Arzt gehen. Aber bis dahin mußte er schlafen. Er wälzte sich hin und her, bis die Schlaftabletten ihm endlich Ruhe brachten.
Plötzlich war er jedoch hellwach. Er glaubt, keine zwei Minuten eingenickt zu sein, vor allem weil das Gefühl der Angst noch immer wie eine schwere Wolke um ihn hing. Sie verdichtete sich zusehends, als er hörte, was ihn aufgeweckt hatte. Ein leises Klopfen direkt vor ihm. Dort, wo eigentlich nichts war schienen gelegentlich kleine Lichtblitze in der Luft zu entstehen. Kaum wahrnehmbar, aber trotzdem nicht abzuleugnen.
Klopf. Klopf.
Als klopfte jemand an einer schweren Holztür.
Friedrichs Hals war zugeschnürt. Sein Herz raste wie wahnsinnig. Dort, wo das Klopfen herkam, war gar nichts zu sehen. Das Klopfen wiederholte sich. Dieses Mal drängender und lauter. Friedrich konnte sich vor Angst nicht mehr bewegen. "Mein Herz", dachte er, doch das pumpte mit kräftigen Schlägen weiter. Dann begann es ganz leise zu knirschen. So als würde eine Tür geöffnet. Und ein schimmerndes Licht fiel auf ihn.
Friedrich sah jetzt und er wünschte sich, sein Herz möge aussetzen.
"Bitte hör doch auf", flehte er es an, doch es schlug noch qualvolle 45 Sekunden.