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Der Krieg der Kärntner gegen die Wiener

Jeder weiß, daß ihn Wien nur Arschlöcher leben. Es könnte einem ja egal sein. Sollen sie an ihrer Dummheit elendig zu Grunde gehen. Niemand weint ihnen eine Träne nach.
Das Problem mit den Wienern ist, daß sie glauben, sie würden uns regieren. Uns! Was haben wir ihnen zu verdanken? Nichts.
Nach dem ersten Weltkrieg hätten wir sie gebraucht. Aber sie haben uns im Stich gelassen. Die Wiener kennen kein Zusammengehörigkeitsgefühl. Am besten wäre gewesen, die Russen hätten 45 alles niedergebrannt.
Damals haben sie die letzte Chance vertan. Und die Wiener haben sich Österreich unter den Nagel gerissen. Im ersten Jubel ist es niemand auf gefallen. Aber nach und nach zeichneten sich die Unterschiede immer schärfer ab. Der Wiener ist ein anderer Mensch als der Kärntner. Zuerst die Sprache. Sie ist hart, mürrisch und mit Schimpfwörtern durchsetzt, während die Kärntnerische weich, verspielt, geradezu graziel ist.
Natürlich erkennt man den Wiener auch am Aussehen. Dick, üblicherweise. Und wenn nicht dick, dann rundköpfig und bleich. Ein fahles, krankes Gesicht, ohne Farbe und ohne Glanz.
Der Wiener ist gierig. Nicht nur, daß er nicht zum Arbeiten geboren ist, hat er einen Hang, das gestohlene Geld um so schneller zu verprassen.
Die Wiener sind außerdem keine Christen mehr. Auch wenn es bei einigen noch auf dem Taufschein steht. Einerseits fehlt ihnen die notwendige spirituelle Einsicht und andererseits ist der durchschnittliche Wiener lei zu gierig, den gerechten Anteil seines Einkommens, an die Kirche abzutreten. Nichts kann den Wiener in seiner Habgier aufhalten.
Die Kärntner waren den Wienern schon immer ein Dorn im Auge. Unsere aufrechte Haltung stand im krassen Gegensatz zum Wiener Wesen, das dem Tier näher ist, als dem Menschen. Die Wiener fühlten unbewußt, daß wir Kärntner ihnen weit überlegen waren. So versuchten sie uns zu schaden, wo sie nur konnten. Zuerst schrieben sie in ihren Zeitungen nur das allerschlechteste über uns. Und dann begannen sie die Kärntner Wirtschaft zu sabotieren. Nicht weiter geleitete Anträge an die damalige EU, Autobahnen, die an der Landesgrenze endeten; Schienen genau so. Zuerst versuchten sie uns so klein zu kriegen, doch sie hatten natürlich nicht damit gerechnet, daß wir zu allem entschlossen waren. Als nächstes schufen sie die Steuern ab, welche wir der Landesregierung zu zahlen hatten. Wir ließen uns davon nicht beirren und zahlten weiter unsere Steuern an den Landeshauptmann. Als die Wiener das bemerkten, führten sie Sondersteuern ein, damit uns nicht genug Geld übrig blieb. Ein Aufheulen ging durch das Land und erstmals wurden Autos von Wienern beschädigt und Wienern die hier im Urlaub waren das geraubte Geld wieder abgeknöpft. Die Wiener wähnten sich kurz vor ihrem Ziel und benutzten das als Anlaß um ihre Truppen nach Kärnten zu verlegen. Aber damit haben sie sich ihr Grab geschaufelt. Kärnten hat sich soeben für unabhängig erklärt. Ich gehe jetzt und melde mich freiwillig. Wenn wir mit ihnen fertig sind, wird es anstatt des Wasserkopfes nur mehr einen riesigen Schutthaufen geben.
Der Krieg dauert bereits drei Monate. Sie haben Klagenfurt zerstört. Den Lindwurm in die Luft gesprengt. Das Landhaus zerbombt. Auf dem Neuen Platz sollen sich Tausende Leichen befunden haben. Sie haben sie mit Benzin übergossen und ein riesiges Sonnenwendfeuer angezündet. Die Wiener zeigen sich wieder einmal von ihrer feigsten Seite. Sie haben Söldner für die Drecksarbeit angeheuert. Nachher kommen sie selbst, schleichen zwischen den verlassenen Häusern herum und rauben alles, was sie in ihre gierigen Hände bekommen. Viele Kärntner haben sich in die Wälder geflüchtet. Wen die Wiener erwischen, foltern sie brutalst zu tode. Die Hände werden langsam gebrochen und den Männern die Schwänze abgeschnitten. Was mit den Frauen passiert, daß kann man sich angesichts des Charakters der Wiener nur allzu gut vorstellen.
Bis jetzt habe ich noch keinen erwischt. Aber wenn wir Klagenfurt stürmen kriege ich meinen ersten toten Wiener. Sie haben zwar Panzer zusammengezogen und auch einen Hubschrauberstützpunkt errichtet, doch wir sind gut organisiert und haben sie ohne ihr Wissen eingekreist. Morgen ist es vorbei mit ihnen. Und sie werden erst der Anfang sein. Man ruft mich. Ich muß los. Der Gegenschlag beginnt.
Der Krieg dauert bereits ein halbes Jahr. Kärnten ist verwüstet und die Wiener sehen lachend zu. Ihre Stadt ist kaum beschädigt, während alle großen Kärntner Städte nur noch Trümmer sind. Besonders schlimm ist es in Klagenfurt. Kein einziges Haus steht mehr. Wir eroberten es drei Mal und mußten uns genauso oft wieder zurück ziehen. Beim dritten Mal, vernichteten die Wiener vor ihrem Rückzug alles. Wir hatten sie ausgehungert. Das mögen sie nicht. Wenn sie hungern vergeht ihnen die Lust am kämpfen.
Sobald die Wiener in der Unterzahl sind, fliehen sie. Sind sie aber stärker, machen sie uns bis auf den letzten Mann nieder. Zum Glück sind wir meistens zu schnell für sie. Einmal habe ich eine aufgeriebene Kärntner Truppe gesehen. Sie waren umzingelt worden und die Wiener hatten alle abgeschlachtet. Die meisten waren junge Burschen gewesen. Nicht älter als zwanzig Jahre. Darum sind sie ihnen auch in die Falle gelaufen. Der Krieg verzeiht keine Fehler. Du darfst dich nie gehen lassen oder du bist tot. Die jungen Soldaten sind tapfer gewesen und haben trotzdem bis zur letzten Kugel gekämpft. Wir haben sie begraben, und ich habe geweint. Es war auch ein Mädchen dabei. Schwarzhaarig und große dunkle Augen. Eine Kugel hat ihr den halben Kopf weg gerissen. Sie hieß Elisabeth und war die jüngste Tochter meines Nachbarn gewesen. Acht Jahre jünger als ich und als ich sie liegen sah, erinnerte ich mich, daß sie einmal von der Schaukel gefallen war und den ganzen Tag geheult hatte.
Die Wiener sind keine Menschen. Sie sind Bestien, die unsere Kinder töten. Eine Woche später konnten wir ein paar Wiener Soldaten mit einer ferngelenkten Rakete überraschen. Wir haben die Rakete genommen, den Sprengstoff gegen Senfgas ausgetauscht und sie damit nach Wien geschickt. Schade, daß ich nicht gesehen habe, wie sie eingeschlagen ist. Die Rakete war für Elisabeth.
Im zweiten Jahr des Krieges wendete sich das Glück. In der Steiermark ernteten unsere Truppen regen Zuspruch und es gelang uns, den Nachschub der Wiener abzuschneiden. Das Letzte von ihnen gehaltene Gebiet liegt um St. Veit. Bald gehört auch das uns. Wir haben mehrere Raketen in die Wiener Innenstadt geschickt. Sie sollen wissen, daß wir nicht wehrlos sind. An einen Marsch nach Wien ist noch nicht zu denken, aber wer weiß. Vielleicht in einem Jahr? Wir werden mit der Stadt das gleiche machen, was sie in Klagenfurt getan haben. Niederbrennen und plündern bis zum letzten Haus.
Die Wiener haben Probleme, Truppen aus Restösterreich anzuheuern. Die jungen Männer fliehen lieber, als in den für sie sinnlosen Krieg zu sterben. Ein paar sind sogar zu uns übergelaufen. Wir liegen vor St. Veit, unternehmen schnelle Vorstöße und sie versuchen halbherzige Ausbruchsversuche. In der Stadt sind viele Vorräte und schweres Gerät. Das kann zu einem Problem für uns werden. Darum haben wir alles ringsum vermint. Sie räumen täglich die einzige offene Straße, aber in der Nacht kommen wir und verminen alles wieder neu. Ich bin zum ersten Mal wirklich überzeugt, daß wir sie besiegen werden.
Wir stehen mit unserem Panzer an der Grenze zu Niederösterreich. Die befreiten Gebiete erstrecken sich von Tirol bis zum Burgenland. Wir sind zu sechst. Ich bin der Kommandant. Heinz, ein drahtiger zwanzigjähriger ist der Fahrer. Ein guter Mann mit schnellen Reaktionen und einem scharfem Verstand. Michael ist Richtschütze. Die Wiener haben seine Familie abgeschlachtet. Er hat überlebt, weil er sich tot gestellt hat. Eine Kugel steckt noch immer in seinem Kopf. Sie ist in sein Gehirn eingedrungen, ohne es zu beschädigen. Manchmal zittert er furchtbar, aber ansonsten merkt man nicht, daß er einmal drei Tage in einem Massengrab gelegen hat.
Er und Lois, einer unserer beiden Grenadiere hassen die Wiener mehr, als für sie gut ist. Sie haben begonnen, die Ohren von toten Wienern zu sammeln und als Kette um den Hals zu tragen. Am Anfang versuchte ich ihnen den Brauch auszutreiben, aber sie ließen sich nicht davon abbringen. Ich sagte, daß sei unzivilisiert, aber sie sagten immer, es seien lei Jagdtrophäen und die Wiener sein keine Menschen. Ich lasse sie, weil es nur wenige Männer wie sie gibt, die ohne Angst auf eine Stellung zulaufen, ihre Granaten werfen und dann schreiend losstürmen um den Rest zu erledigen. Günther ist vor drei Wochen dabei drauf gegangen. Er war der zweite Grenadier. Genauso wie die beiden Wahnsinnigen, wie ich sie nenne. Statt ihm fährt jetzt Hermann mit. Er ist fünfunddreißig und war Bauer. Die Wiener haben seinen Hof niedergebrannt und die Felder vergiftet. Normalerweise ist er sehr ruhig und redet kaum.
Und dann gibt es noch Gudrun. Ich liebe sie, aber der Krieg ist keine gute Zeit für Liebe. Gudrun kämpft seit der ersten Stunde. Ich habe einmal versucht, ihr zu sagen, daß sie irgendwo mitten im befreiten Gebiet auf mich warten soll. Sie war beleidigt und hätte mich beinahe verlassen, weil ich das gesagt hatte. Ihre kurzen Haare sind blond und die Statur kräftig aber nicht dick. Eigentlich wäre sie eine Grenadierin gewesen, aber ich konnte sie dazu bringen, im Panzer MG-Schützin zu werden. So habe ich das Gefühl, daß sie sicher ist. Wenn der Panzer getroffen wird, sind wir beide tot. Mehr kann man in so einer Zeit nicht machen. Ich hoffe der Krieg wird bald aus sein.
Staub steigt in der Ferne auf. Wir stehen vor Wiener Neustadt und zerschießen systematisch die Stadt. Wiener Neustadt ist wie Wien. Es gibt keinen Unterschied. Später einmal werden wir den Ort wieder aufbauen. Ich denke oft an Gudrun. Sie ist strafversetzt worden. Ich konnte nichts tun, obwohl ich das goldene Tapferkeitskreuz trage. Sie hat sich geweigert, einen gefangenen Wiener zu foltern. Der Oberst, der ihr das befahl, war ein Arschloch. Eine Schande für Kärnten. Ich hätte ihn am liebsten erschossen. Statt dessen habe ich versucht, ihm klar zu machen, daß wir Kärntner so etwas nicht machen. Die Szene hat mich erschüttert. Meine Kameraden haben sich verändert. Ich weiß nicht, seit wann. Irgendwann ist mir aufgefallen, daß sie anders reden. Der Krieg dauert einfach zu lange. Die Jungen haben keinen Frieden erlebt; keine Ausbildung. Sie bräuchten Väter, die sie ordentlich erziehen. Oder bin ich einfach nur alt geworden?
Gudrun ist auch meiner Meinung. Nur sagt sie es zu direkt. Wir schreiben uns oft. Sie ist irgendwo im Salzkammergut in Oberösterreich. Zum Glück wird der Krieg nicht mehr lange dauern. Wir beschießen bereits Wien. In wenigen Monaten müßte die Stadt gefallen sein. Ich merke eine gewisse Müdigkeit und freue mich bereits auf den Frieden. Wenn ich nicht in der Nacht bei jedem Geräusch aufwache und wieder einfach durch einen Wald zu gehen kann, ohne mich zu ducken. Der Krieg hat die Menschen verändert. Viele tragen schon Ohren ihrer toten Feinde als Glücksbringer. Früher haben daß die Wiener getan, und ich habe sie dafür gehasst.
Der Krieg hat sich in die Länge gezogen. Achtzehn Jahre. Wir müssen um jedes Haus kämpfen und auf ihrem eigenen Territorium sind die Wiener einfach besser.
Gestern fand ich ein Mädchen. Sie war eine Wienerin und lag in einem halb zusammengefallenen Haus. Sie hatte dichtes schwarzes Haar und war noch sehr jung. Ich hatte das Gefühl, sie schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Wie schade, daß sie in der Uniform der Wiener steckte. Unter anderen Umständen hätte ich sie zum Essen eingeladen. Ich betrachtete sie eine Weile in der Annahme, sie sei tot und überlegte, woran sie gestorben sein könnte. Dann bemerkte ich ein Zucken ihrer Augenlieder. Ich hätte nie gedacht, daß ich mich darüber freuen würde. Hastig überlegte ich, was ich tun sollte. Gefangen nehmen? Lieber nicht. Ich hatte nichts Gutes über unsere Lager gehört.
"Hallo", sagte ich. "Ich heiße Werner."
Ihr Auge zuckte wieder, aber sie antwortete nicht.
"Kannst du sprechen?"
Wieder zuckte nur das Augenlied. Irgendwie wurde ich stutzig, aber im ersten Moment konnte ich nicht sagen, was mich störte. Ich hockte mich neben sie, legte das Gewehr, das neben ihr lag zur Seite und berührte ihre Hand.
Sie war kalt. Aber ihre Augenlieder bewegten sich wieder!
Dann kroch eine weiße Made daraus hervor, wand sich und kullerte schließlich die Wange hinab, wo sie in den Haaren direkt neben einem goldenen Ohrring landete und weiter nach verfaultem Fleisch suchte. Ich sprang zurück und stürmte zum ersten Mal seit vielen Jahren ohne zu schauen aus der Ruine. Mir war übel und ich zitterte.
Sie hatte mir den Spaß am töten genommen.
Beim nächsten Angriff stürmte Lois an mir vorbei und warf eine Handgranate durch ein Fenster hinter dem sich ein Scharfschütze verbarg. Während er lief sah ich die Made wieder aus dem Auge des Mädchens kommen, und mir wurde schlecht Ich konnte meine Waffe nicht heben. Als Lois zurück kam, lag ich noch immer an meinem Platz und hatte keinen einzigen Schuß ab gegeben. Um Lois` Hals baumelten bereits zwei Ketten mit abgeschnittenen Ohren. Er sah mich verächtlich an und meinte, ich würde wohl langsam alt werden.
"Mir ist schlecht", sagte ich, "ich glaube ich bin vergiftet."
Dann ging ich weg.
Ich konnte niemand mehr erschießen. Beim nächsten Kampf schoß ich absichtlich daneben. Das wurde zur Gewohnheit. Während Lois eine dritte Kette mit Ohren anfertigte, hatte ich sicher fünfzig Mal knapp daneben geschossen.
Das Kriegsglück war launisch. Die Wiener hatten ihre Stadt gehalten und uns nach Wiener Neustadt zurück getrieben. Also legten wir Wien systematisch in Schutt und Asche. Ich empfand keine Freude daran. Nur ein Gefühl der Leere und Trauer. Ja. Trauer um das Mädchen, daß immer wieder vor meinen Augen starb. Bei jedem Angriff sah ich sie vor mir liegen. So kann ich nicht kämpfen. Lois ist schließlich selbst gefallen. Vielleicht hängt sein Ohr jetzt auch an einer Kette. Irgendwie war ich sogar froh darüber. Zum ersten Mal ist mir aufgefallen, daß meine jetzigen Kameraden nichts mehr mit den Kärntnern gemeinsam haben, die damals das Land verteidigten.
Nach einem mißlungenem Angriff wurde ich degradiert und war wieder einfacher Fußsoldat. Die Wiener hatten uns ein Stück zurückgetrieben und wir verschanzten uns in einem Buchenwald. Ich bekam den Auftrag, mich nach vorne zu arbeiten und nach ihren Spähern Ausschau zu halten. Ich vergrub mich halb im feuchten Laub und wartete.
Und bald kam der Späher. Er kroch gemächlich über den Waldboden direkt auf mich zu. Ich nahm mein Gewehr, aber meine Hände hatten nicht die Kraft überhaupt einen Schuß abzugeben. Also wartete ich, bis er auf einen Meter heran war. Sein Gewehr trug er unvorschriftsmäßig am Rücken, so daß ich keine Angst hatte, er würde mich sofort erschießen.
"Nicht schießen" flüsterte ich.
Er sprang vor Schreck hoch und landete einen Meter entfernt im nächsten Busch. Seine Hände zitterten und seine Augen suchten überall nach der Stimme. Ich hatte mich so gut getarnt, daß er mich noch immer nicht sah.
"Du bist Kärntner", sagte er.
"Ich habe es satt, Leute zu erschießen, die ich nicht kenne."
"Was machen wir jetzt?"
"Ich habe dich nicht gesehen, du hast mich nicht gesehen."
Er sah sich um und richtete seinen Blick auf mich.
"Da bist du. Das ist die verdammt beste Tarnung, die ich in dem scheiß Krieg gesehen habe. Wie machst du das?"
"Ich bin schon seit Anfang dabei. Da lernt man einiges."
"Seit Anfang an? Das ist ewig her. Bist du ein General?"
"Nein, überhaupt nicht. Ich bin degradiert worden."
"Ich habe gehört, ihr erschießt Feiglinge auf der Stelle."
"Das ist Propaganda. Übrigens war ich nicht feige. Ich habe beschlossen, daß für mich der Krieg aus ist. Ich schieße nur mehr daneben."
"Du schießt daneben? Starke Sache."
"Ich hab auch ein paarmal daneben geschossen. Und nachher habe ich mich angeschissen, weil sie unsere Stellung überrannt haben."
"Darf ich näher kommen?"
"Von mir aus"
Er kroch neben mich und streckte mir seine Hand entgegen.
"Ich heiße Wolfgang"
"Werner."
Er war zwanzig Jahre alt und hatte bis zu seiner Rekrutierung eine Technische Lehranstalt besucht. Er erzählte mir, seine Großmutter wäre aus Kärnten; er damit ein Viertelkärntner.
"Mußt du nicht wieder zurück?"
"Richtig. Du solltest dich auch bald zurückziehen. In zwei Stunden greifen wir an. Könntest du mir vielleicht einen vagen Hinweis auf euer Lager geben. Ich bekomme Probleme, wenn ich ohne Information zurück komme."
"Du bist direkt darauf zu gelaufen. Wie viele Leute habt ihr?"
"Zwei Züge."
"Das ist zu viel. Wir werden abhauen."
"Ist in Ordnung."
Er robbte wieder zurück.
"Übrigens" sagte er und drehte sich kurz um, "schieße ich ab jetzt auch daneben."
Jetzt, da ich wieder ein kleiner Soldat war, sah ich die Kommandanten mit anderen Augen. Tatsächlich hatten sie sich verändert. Sie brüllten Befehle und das Du zwischen Offizieren und Soldaten wurde immer seltener. Wien konnte auch in den nächsten Jahren nicht eingenommen werden. Ich war ein alter Veteran geworden. Von den jungen Soldaten geachtet und von den Offizieren vorsichtig angefaßt. Man wußte, daß ich kein Draufgänger war, aber man vertraute meinen Tips, wenn es um die beste Tarnung ging, oder darum, wie eine Stellung mit den geringst möglichen Verlusten einzunehmen war. Einige Soldaten hatten inzwischen bemerkt, daß ich sehr oft knapp daneben schoß. Nie hatten sie etwas gesagt und nur mit einem Zwinkern angedeutet, daß sie es bemerkt hatten. Meist legten sie sich dann neben mich und schossen knapp an einem Angreifer vorbei.
Die Offiziere trieben uns immer wieder zu Angriffen gegen Wien an, aber in dem Schuttberg, der die Stadt war, kamen wir nie einen Schritt vorwärts. Wenn wir angriffen, wich der Feind zurück und kam dann mit Verstärkung wieder, so daß wir uns absetzten mußten. Auf beiden Seiten wurden die Helden weniger, die sich ohne Rücksicht auf Verluste in das feindliche Feuer warfen und ihr Leben für die Kameraden gaben. Die Kameraden zogen sich rechtzeitig zurück und bald gab es keine Helden mehr. Oft hatte ich das Gefühl, daß die Wiener auf der anderen Seite ähnlich vorgingen. Einmal pfiff die Kugel eines Heckenschützen nur einen Zentimeter neben meinem Kopf in die Mauer. Ich war für einen Moment ganz ruhig gestanden weil ich auf meine Karte geblickt hatte und deshalb ein ideales Ziel gewesen. Der Heckenschütze hätte blind sein müssen um mich so zu verfehlen.
Gudrun hatte kein Glück. Eines Tages erreichte mich ein Brief ihrer Kameraden, sie sei auf eine Mine getreten und sofort tot gewesen. Es war in Kärnten passiert. Während ihres Urlaubes bei einem Spaziergang im Wald.
Unsere Offiziere versuchten einen letzten verzweifelten Angriff auf die Stadt. Jeder von uns wußte, daß es keinen Sinn mehr hatte, wahrscheinlich auch unser Generalstab. Deswegen versuchte er mit einem Großaufgebot an Geschützen die Reste der Trümmer noch einmal zusammenzuschießen.
Ich war inzwischen einem Oberst als Fahrer zu geteilt worden. Meine Einheit hatte alles versucht, daß zu verhindern aber mit 50 spürte ich selbst, daß es Zeit wurde, ein ruhigeres Leben zu führen. Mein Oberst war ein kleiner, dürrer Mann mit grauen Haaren und einer spitzen Nase.
Ich mochte ihn nicht. Er erzählte immer, wie schlecht die Wiener waren, doch er hatte keinen Grund sie zu hassen, weil er ein Deutscher war. Mir kam vor, als versuche er sich die ganze Zeit zu rechtfertigen, daß er hier gegen die Wiener kämpfte. Ich hätte ihm einiges über sie erzählen können, doch schwieg ich bewußt, um ihn damit zu ärgern. Er war ein "Held" und wollte Helden aus seinen Soldaten machen. Zu diesem Zweck hielt er sich oft direkt an der Front auf. Wohl merkte ich, daß er bei jedem Granateneinschlag zusammenzuckte, darauf hin, die Soldaten aber um so heftiger antrieb.
Unser Verhältnis lief ein halbes Jahr gut, doch dann kam was vorauszusehen war.
Wir waren alleine auf einem vorgeschobenen Posten in Klosterneuburg. In einer Ruine sah er eine Wiener Scharfschützin. Sie war höchstens zwanzig Meter entfernt, so daß ich genau erkannte, daß sie keine achtzehn Jahre war. Ihr blondes Haar fiel ihr ins Gesicht und sie strich sich die Strähnen immer wieder von den Augen weg. Ich hatte noch nie zuvor so ein hübsches Mädchen gesehen. Wir waren hinter sie marschiert, ohne daß sie uns entdeckt hätte. Der Oberst trug kein Gewehr und deutete mir mit einem Handschnitt über die Gurgel, daß ich sie erschießen sollte.
Ich nahm mein Gewehr, zielte sorgfältig und schoß so knapp an ihrem Kopf vorbei, daß die Kugel durch ihre Haare fuhr. Sie hatte wahnsinnige Reflexe. Der Nachhall des Schusses war noch nicht verklungen, und sie war weg.
Der Oberst regte sich fürchterliche auf und zog seine Pistole um mich zu erschießen. Ich nahm mein Gewehr und begutachtete das Visier.
"Es ist verstellt. Muß irgendwo angeschlagen sein."
"Machen sie mir nichts vor. Ich kenne sie. Sie haben absichtlich daneben geschossen. Sie feiger Verräter!"
Ich sagte ihm ruhig, daß er sich beruhigen soll, mein Gewehr sei einfach verzogen und wenn er seinen Fahrer erschießen wolle, dann wäre es ein ganz gewöhnlicher Mord. Jeder könne fest stellen, daß mein Visier verzogen war. Ich nahm mein Visier und tat, als versuche ich es einzustellen während ich es verstellte. Der Oberst riß mir das Gewehr aus der Hand, und stapfte damit zum Jeep. Ich mußte ihn zurück zum Quartier fahren. Dort ließ er mich von der Militärpolizei holen und gab ihnen das Gewehr als Beweis. Eigentlich hätte ich ein Militärverfahren erhalten sollen, doch im Notfall konnte ein Feldgericht zusammen gestellt werden.
Ehe ich mich versah stand ich schon davor. Die Generäle wollten an mir ein Exempel statuieren um die sinkende Moral ihrer Soldaten wieder zu heben. Eine Menge Unsinn wurde geredet, und ich am Ende ohne nennenswerte Beweislast zum Tod durch Erschießen verurteilt. Innerhalb einer halben Stunde war das Erschießungskommando zusammengestellt. Ich hatte gerade noch Zeit einen Hamburger, der meine Henkersmahlzeit war, hinunterwürgen, als ich auch schon mit verbundenen Augen an der Wand stand. Mein Oberst gab selbst die Befehle. Ich nahm das ganze wahr, als ginge es mich nichts an. Nur verwundert war ich. Grenzenlos verwundert, wie so etwas passieren konnte. Der Deutsche Oberst befahl dem Haufen junger Männer, von denen nur ein oder zwei Kärntner waren, anzulegen. Hoffentlich schießen sie gut, dachte ich. Dann krachten die Schüsse.
Ich spürte Luftzüge an der Stirn und etwas streifte meine Hand. Hinter mir spritzte Mauerwerk auf. Das war alles. Ich atmete vorsichtig aus. Ich war noch nicht tot. Alle hatten daneben geschossen. Der Oberst schrie und versuchte anscheinend seine Pistole zu ziehen, doch dann bemerkte er etwas und ging. Das Erschießungskommando nahm mir die Binde ab und wir gingen nach Hause. Die meisten anderen Soldaten der Armee schlossen sich uns an.
Wir gingen den ganzen Weg und es wurde ein Triumpfzug. Überall wo wir hin kamen, verließen die Soldaten ihre Stellungen und gingen mit. Und keiner der Generäle hinderte sie daran. Ein paar gingen sogar selbst mit. Als ich die Grenze nach Kärnten überquerte, dachte ich, warum wir das nicht schon früher getan hatten. Ich erinnerte mich, an die Begeisterung, die ich am Anfang des Krieges empfand und ich schämte mich für das was ich früher gedacht hatte. Es war, weil ich nicht wußte, was Krieg wirklich bedeutet und jetzt war es zu spät.