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Ladung

Vier Männer standen am Eingang der alten Fabrik. Zwischen dem abblätternden Verputz der Mauern zeigten sich lange schwarze Risse. Sie diskutierten leise in englisch, es war aber offensichtlich, daß drei der vier mit einer anderen Muttersprache aufgewachsen waren. Der Amerikaner mit Cowboyhut und –Stiefeln dominierte das Gespräch. Er fuchtelte mit den Armen, wenn er die Einwände des jungen Deutschen abschmetterte, stampfte zornig mit dem Fuß, wenn der Franzose sagte, die Halterung am Gerät sei zu schwach und griff demonstrativ ans Ohr, wen der Russe etwas in sehr holprigem Englisch stotterte.
Der Deutsche war hellblond und sehr dünn. Er ließ sich durch die forsche Art des Amerikaners nicht einschüchtern und setzte erneut zu einem Widerspruch an:
"Wenn der Ladungsfluß nicht stoppt? Bei einer Spannung von 6 Millionen Volt und einem Restwiderstand von Zehn hoch minus Sieben Ohm wären das..."
Er griff nach seinem klobigen Taschenrechner und begann die Zahlen einzutippen.
"Auf jeden Fall müssen wir weitere Sicherungsmaßnahmen einbauen. Diese Bruchbude fliegt in die Luft wie nichts", half inzwischen der Franzose.
"Feiglinge!", der Amerikaner stampfte mit dem rechten Fuß auf den Boden. "Columbus hat sich auch keine Sorgen gemacht, als er los fuhr."
"Sechs Millionen Coulomb", rief der Deutsche und sah erwartungsvoll in die Runde.
"Das ist ungefähr Ladung der Erde. Wenn wir Gerät gut Erden, fließt alles in Erde", meinte der Russe.
"Genau. Das ist es, Freund!" Der Amerikaner schlug ihm freundschaftlich auf die Schultern. Im Vergleich zum Russen war er beinahe doppelt so breit und hätte ihn um ein Haar nieder geschlagen.
"Wir Erden den IFK. Da wird kein einziges Elektron darauf sitzen bleiben."
"Wenn aber das Loch doch länger offen ist. Angenommen es bleibt für eine Sekunde stabil oder die Spannung ist höher als sechs Millionen Volt?" warf der Deutsche ein.
"Warum machen sie überhaupt mit? Sie sind schlimmer als meine Mutter", rügte ihn der Amerikaner.
"Ich dachte also, eigentlich, sagen kann man ja überhaupt nichts. Wir müssen es eben einfach probieren."
"Na endlich!" Der Amerikaner nickte dem Russen zu, der daraufhin zu einer zwei Meter durchmessenden Drahtrolle in der Ecke ging und mit seinem Laserschneider anfing einzelne Stücke runterzuschneiden, welche er dann einfach an der Außenseite des Imparibilitätsflußkompensators anschweißte. Die Männer nannten das Gerät, es sah aus wie ein zehn Meter hoher Trichter mit einem Aufzug an der Seite immer nur IFK.
Auf dem Gesicht des Franzosen, er war mittleren alters und hatte ein hübsches Gesicht, machten sich Sorgenfalten breit. Still beschloß er, im Moment der Zündung in der Nähe des Eingangstores zu stehen. Wenn etwas schrill zu knirschen begann, würde er mit einem Schritt draußen sein.
"Russisch", sagte der Amerikaner.
"Alles daran ist russisch", antwortete der Deutsche und dachte an die letzten achtundvierzig Startversuche. Am Boden um den IFK war ein einziger Haufen von Kabeln durchmischt mit Kontrollgeräten, kleinen Werkzeugkoffern und vereinzelten vollgekrizelten Blättern.
Die letzten beiden Startversuche waren beinahe gelungen. Es waren Probeläufe gewesen, bei denen sie nicht bis zum letzten Gegangen waren. Ein einziger Schalter hatte jeweils noch gefehlt. Der Chef des Atomkraftwerks, von dem sie den Strom bezogen, würde bald auftauchen und über sich den hohen Stromverbrauch beschweren. Beim Amerikaner. Er hatte alle Abmachungen getroffen. Sie hatten berechnet, daß der IFK, wenn er voll lief, in halb New York zu einem Stromausfall führen würde.
Eine tolle Sache, dachte der Franzose. Nur wenige Leute konnten mit einem Knopfdruck halb New York den Strom abdrehen.
Der Amerikaner machte sich keine Sorgen wegen dem Stromausfall. Wenn das Experiment glückte, würde man in der allgemeinen Euphorie großzügig darüber hinweg sehen. Dem Russen waren solche Dinge egal. Bei ihm waren Stromschwankungen alltägliche Dinge und er hatte zu wenig Zeit gehabt, sich mit den amerikanischen Verhältnissen vertraut zu machen.
Der Franzose und der Deutsche dachten in diesem Fall ähnlich wie der Amerikaner. Und wenn etwas schief ginge und sich jemand beschwerte, würden sie von nichts gewußt haben.
Der IFK war ihre Idee gewesen. Der Russe hatte den fehlenden Schlüssel geliefert und der Amerikaner das Geld. Der Franzose überlegte, ob er den Deutschen warnen sollte, fand dann aber, daß dieser selbst klug genug sein sollte um nachher nicht direkt davor zu stehen.
Der Amerikaner stellte einige grundsätzliche Rechnungen auf und kam zum ersten Mal zu dem Schluß, das all zu hohe Magnetfelder vielleicht schlecht auf seinen Gesundheitszustand wirken würden. Und er wollte bei der Rede vor dem Nobelpreiskomitee eine gute Figur machen.
Inzwischen hatte der Russe seine Arbeit beendet und der IFK sah jetzt aus, als wäre er durch eine Spinnennetz geflogen. Der Franzose ging vor um dem Russen beim Starten zu helfen.
Zuerst Linearbeschleunigerhauptschalter, dann Ablenkmagneten, IFK Rotor, Hochspannung Beschleuniger, Fokusiermagnet IFK...
Ein leises Summen ertönte und nacheinander leuchteten an den verschiedenen angeschlossenen Meßinstrumenten grüne Lichter auf.
Auf die Stirnseite der Wand warf ein Projektor das Abbild des Strommeßgeräts neben dem Durchstoßpunkt. Der Zeiger war weit im Negativen, was bedeutete, daß Strom hinein floß. Sobald die Grenze durchstoßen war, würde der Zeiger einen Stromfluß aus dem Durchstoßpunkt heraus anzeigen.
Der Amerikaner hatte eine Viedeokamera mit Sender aufgestellt, die das Ganze aufnahm. Am liebsten hätte er sich die Übertragung von sehr weit weg angesehen. Doch wenn er nicht hier blieb, würden das die Europäer als Feigheit auslegen. Also stellte er sich einen halben Schritt hinter den Deutschen.
Der Russe und der Franzose waren fertig und kontrollierten noch einmal alle Schaltungen bevor sie den Dämpfer ausschalteten. Der IFK lief jetzt auf vollen Touren und niemand wußte genau, was passieren würde, wenn im Inneren die Grenze zum Ladungsraum durchstoßen wurde.
Der Franzose gesellte sich zu den beiden am Eingang um ein bißchen Abstand zwischen sich und die Maschine zu bringen.
Der Russe blieb noch bei den Geräten, stellte dann fest das alles von alleine weiter lief und ging zum Eingang, weil er den Augenblick des Triumphs mit seinen Kollegen teilen wollte. Das der Notausschalter direkt neben dem Eingang war, fand er sehr klug vom Amerikaner.
Sie sahen sich nervös an. Jedem lag auf der Zunge, daß einer vorne bei den Kontrollgeräten sein sollte.
Der Russe sagte nichts, weil er ein Englisches Wort nicht fand.
Der Franzose sagte nichts, weil er hoffte, jemand anderes würde es sagen.
Der Amerikaner vermutete, wenn er etwas sagte, würden die Europäer ihn vor schicken.
Und der Deutsche dachte, daß es sowieso für jeden dort vorne zu gefährlich war.
Kurz vor dem Durchbruch kam es zu einem singenden Knirschen. Der Franzose machte einen Schritt zurück. Der Russe sprang zum Notausschalter, der Deutsche blieb erstarrt stehen und der Amerikaner hielt sich die Hand vors Gesicht.
Der Deutsche sah zuerst, wie sich der Zeiger an der Wand mit einem Ruck auf die andere Seite bewegte. Dann spürte er, wie ihm die Haare zu Berge standen. Einen Moment später bemerkte, er, daß es dem Russen genauso ging. Die Hand des Russen befand sich fünf Zentimeter vor dem Notausschalter, als ein Blitz von der Wand auf ihn sprang und ihn zu Boden schleuderte. Er rührte sich nicht und es roch nach verbranntem Fleisch.
Zu viel Ladung, dachte der Amerikaner, bevor ein Blitz auf ihn übersprang. Der Deutsche starrte einfach auf den Zeiger, als der Blitz weiter zu ihm lief. Der Franzose dachte. "Merde" und lief fünf Schritte bis ihn ein Blitz aus heiterem Himmel traf. Zuvor sah er noch, wie in einiger Entfernung unzählige Blitze niederprasselten. Die Blitze breiteten sich über die ganze Erde aus und töteten jedes Leben außerhalb von Faradyschen Käfigen.