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Die Wette

oder 

Die Wahrheit über die Affäre Groer

Hoch über den Wolken nähern sich zwei Punkte. Während sie aus weiter Entfernung ziemlich gleich aussehen, entpuppen sie sich bei näherem hinsehen als sehr unterschiedlich.
Der Eine gleitet sternschuppengleich majestätisch dahin, er scheint irgendwie auch von innen zu leuchten, während der zweite deutlich dunkler ist.
Jetzt erkennen wir die schwarze Gestalt. Es ist Asmodeon, einer der frechsten Unterteufel, dessen zerzausten Flügel bei jedem Schlag schmerzen. Gestern hat es in der Hölle eine gewaltige Schlägerei gegeben, bei der er im Mittelpunkt gestanden ist. Außerdem war da noch eine Menge Höllenbier im Spiel, daß im Gegensatz zum himmlischen Ambrosia überhöllische Kopfschmerzen verursacht.
Und über ihm blitzen auch schon die hellen Flügel Horaphims eines der hochmütigsten aller Engel.
Asmodeon hält sich die zitternde Hand vor die Augen. Sonnenlicht und weiße Federn. Wenn nur seine Sonnenbrille nicht bei der Schlägerei zu Bruch gegangen wäre. Zugegeben, es war eine dumme Idee gewesen. Erstens hatte er nichts gesehen, der Oberteufel war so geizig, daß er an Fackeln und Glühbirnen sparte, und zweitens hatte er dem Verkäufer geglaubt, der bei der unbefleckten Seele seiner Großmutter geschworen hatte, die Brille wäre absolut unzerbrechlich. Genau diese Großmutter hatte er in der verrufensten Bar der ganzen Hölle wiedergesehen, wo sie Striptistänzerin arbeitete.
Vor dreihundertdreiunddreißig Jahren waren er und der Engel zuletzt zusammen auf der Erde gewesen. Er hatte Höllenbier gegen Ambrosia getauscht. Den ganzen Tag hatte ein Gewitter getobt, den Horaphims Chef war mitten in einem seiner gefürchteten Wutausbrüche gewesen.
"Meine Schuld ist das nicht," hatte Horaphim mit der Flasche Höllenbier in der Hand nach gemurmelt und besorgt nach oben geblickt.
"Er steigert sich wieder in eine Sinflut. Das kann ja heiter werden. Und wir müssen alles wieder aufräumen" Dann hatte er einen weiteren großen Schluck Höllenbier getrunken.
Aus einer plötzlichen Eingebung, vielleicht war ja auch sein Chef dafür verantwortlich gewesen, schlug Asmodeon vor, sich in eine der noch nicht überfluteten Höhlen zu setzten und gemeinsam auf die himmlischen und höllischen Brauerein zu trinken.
Der Ambrosia rann durch seine Kehle wie Tollkirschensaft. Etwas schwach für höllische Verhältnisse, hatte er gedacht, aber gut.
Horaphim war nach mehreren Höllenbier endlich lustiger geworden und sie hatten sich wirklich gut unterhalten. Er mit Horaphims Engelschwert in der Hand und Horaphim auf seinen Höllendreizack gestützt, waren sie schließlich in Streit geraten, wessen Chef erfolgreicher arbeitete.
"Wir haben sie alle. Alle Schäfchen laufen in unseren Stall!" hatte der Engel gelallt.
"So ein bodenloser Unsinn," war ihm Asmodeon ins Wort gefallen und schon hatten sie den bösesten Streit gehabt. Der Engel war recht ungeschickt mit dem Dreizack umgegangen und Asmodeon hatte das Schwert so geblendet, daß er sich damit in den eigenen Schwanz schnitt.
Irgendwie war man sich dann einig geworden, sich dreihundertdreiunddreißig Jahre lang um einen Flecken Erde zu bemühen und dann den Sieger zu bestimmen.
"Wenn du das schaffst, fliege ich in die Hölle", hatte Horaphim gelallt.
"Und ich fliege in den Himmel, wenn die da wirklich fromm werden."
"Welches Land nehmen wir?" hatte der Engel gefragt.
"Das da", war Asmodeons Antwort gewesen. Sein Finger hatte wacklig zuerst auf Frankreich, dann auf Deutschland, schließlich weit nach Russland gedeutet und war schließlich über Österreich zur Ruhe gekommen.
"Österreich", hatte der Engel gesagt. "Das wird ein leichtes Spiel."
Dann hatten sie sich getrennt, waren nach wieder umgekehrt, weil sie Höllendreizack und Schwert noch vertauscht hatten gleich am nächsten Tag an die Arbeit gegangen. So vergingen die Jahre wie im fluge.

Die beiden landeten auf einer Wolke, Horaphim hob wütend sein Schwert und schlug nach ihm. Asmodeon parierte und flüsterte:
"Hör auf, daß ist genug."
"Geht nicht, der Chef sieht uns;" antwortete der Engel und hieb auf den Teufel ein, daß ihm Hören und Sehen vergingen.
"Jetzt will er mich umbringen!" dachte Asmodeon schwitzend und glaubte ein unhimmlisches Grinsen auf dem Antlitz des Engels zu erkennen.
Irgendwie schaffte er es schließlich, das Schwert mit dem Dreizack auf der Wolke festzuklemmen.
"Reden wir. Natürlich war das nur eine Show", meinte Horaphim jetzt scheinheilig.
Asmodeon nutzte seine Chance.
"Du hast verloren. Beim Bart deines Chefs. Du hast geschworen, in die Hölle zu kommen!" Und er begann eine lange Liste seiner Erfolge aufzuzählen.
"Verbrechensrate: +478 Prozent; Anteil der Gläubigen: -48 Prozent; 17 Kriege, zwei davon Weltkriege! War das mühsam!"
"Irrelevant", rief Horaphim dazwischen:
"60 Prozent mehr Kirchen; Spendenaufkommen für die Armen: Plus 534 Prozent; Und die Verbrechensrate ist gefallen! Und zwar um 40 %!
"Moment! Von welchem Blindenverein läßt du dir die Statistik erstellen. Alleine gestern gab es 3 Morde, 318 Diebstähle und 378 Menschen wurden zusammengeschlagen!"
"Du hast keine Ahnung von Statistik! Es waren erstens nur 245 Diebstähle. Das Finanzamt darf so etwas nämlich durchaus. Das nennt man eine Pfändung Und außerdem war gestern die Boxmeisterschaft. Damit fallen schon wieder", weiter kam er nicht, denn eine giftgrüne Wolke hüllte sie ein und verursachte einen schweren Hustenanfall.
"Hat der Oberteufel das Höllentor wieder offen gelassen", ächzte der Engel.
"Ha! Sie nach unten. Da steht sie: Eine Müllverbrennungsanlage. Sehr teuer aber mit unwirksamen Filtern. Habe ich selbst geplant."
"Nicht schlecht", hustete Horaphim, "Trotzdem. Es geht um die Seelen der Menschen. Von mir aus kannst du Wald und Wiesen vergiften, so viel du willst.
"Nein, daß zählt nicht!"
"Doch."
"Betrüger!"
"Lügner!"
"Fledermaus!"
"Gans!"
Der Engel zerrte erzürnt an seinem Schwert
"Ich werde dir einen Beweis zeigen", sagte Asmodeon schnell.
Der Engel hielt unschlüssig inne.
"Was willst du mir zeigen."
Asmodeon grinste. Jetzt konnte er sein Trumpf Ass ausspielen, den Dolch in den Rücken stoßen, den vergifteten Wein reichen, den Engel an der Wand festnageln.
Kurzum: Jetzt konnte ihn kaum noch etwas stoppen.
"Ich werde dir ein Kloster zeigen",
"Ein Kloster? Du hast doch noch kein Kloster aus weniger als hundert Kilometern gesehen."
"Na, dann komm mit und staune."
Asmodeon schwang sich von der Wolke und stürzte, gefolgt vom Engel, hinunter in Richtung einer hügeligen Gegend in Niederösterreich.
"Nicht so schnell", japste der Engel, dem das Grinsen des Unterteufels ein schlechtes Omen bedeutete.
"Plumps"
Die zerfetzten Flügel waren etwas schlecht zum Abbremsen zu gebrauchen und der verdutzte Engel sah nichts weiter als einen wild herumschlagenden Schweif aus der Erde schlagen.
Prustend kam der Unterteufel herausgekrochen.
"So!" Er zeigte triumphierend auf das Kloster während Erdbrocken von ihm abfielen.
Da ist das Stift. Und wir werden jetzt einen Rundgang machen.
Horaphim folgte ihm kopfschüttelnd, aber mit ernster Mine. Wie konnte der Unterteufel so einfach durch eine Klostertür spazieren. An dem Weihwasser mußte etwas nicht stimmen.
Die Gemäuer lagen eine halbe Stunde still in der nachmittäglichen Herbstsonne.
Dann stürzte der Engel, er hatte deutlich an Helligkeit verloren, einige Gelb und Grün-Töne stachen aus seinem weißen Gefieder, gefolgt vom Unterteufel mitten durch die Mauer wieder heraus.
"Das darf nicht bekannt werden. So ein Skandal. Daß muß man vertuschen. Unser guter Ruf." japste er.
Der Unterteufel grinste schelmisch und winkte dem gerade aus einem Fenster blickenden Bischof zu, während der Engel erschrocken zusammenzuckte.
"So lange, du brav in der Hölle Feuer schürst, werde ich keiner Seele ein Sterbenswörtchen über das Stift Göttweig sagen."
Jahrelang schuftete der Engel in der Hölle. Sein Wille war stark, doch das Feuer war heißer. Und schließlich gab er auf.